Reisebericht / Indien

Von Goa über Hampi nach Kerala – ein Roadtrip durch Südindien

Sylvie und Holger sind das erste Mal mit Mocca Travels unterwegs. Wir haben für die beiden einen ungewöhnlichen Roadtrip organisiert, der durch insgesamt 4 indische Bundesstaaten im Süden Indiens führen soll. Die Eindrücke ihrer Reise haben sie für uns in Wort und Bild zusammengefasst.

Nun ist der lang ersehnte Tag endlich da, an dem wir Berlin verlassen werden. Zwölf Stunden später, nach einem Umstieg in Zürich, werden wir in Mumbai landen und damit in ein neues Abenteuer starten. Es ist der 23. Oktober 2016 und die Tage in Berlin sind bereits grau, kalt und dunkel. Es wird Zeit, hier wegzukommen und uns in Richtung einer neuen, inspirierenden und exotischen Welt zu begeben.

 

Der Strand von Mumbai

Diesen Blick auf den Strand und die Skyline von Mumbai bekommt man, wenn man in Malabar Hill die Strasse gegenüber der hängenden Gärten überquert.

Im Vorfeld der Reise haben wir in vielen netten Gesprächen gemeinsam mit Philipp und Mudita von Mocca Travels unsere Route durch Südindien festgelegt, die abwechslungsreicher kaum sein könnte. In den nächsten dreieinhalb Wochen werden wir also den Menschen und ihren Bräuchen sowie den Tieren und Landschaften Südindiens sehr nahe kommen. Daß wir uns auf die neuen Erfahrungen freuen, ist klar und eine glatte Untertreibung.

Mumbai

Ca. 22 Millionen Menschen bewohnen derzeit die Megacity Mumbai. Jeden Tag kommen etwa 60 weitere Familien aus ganz Indien hinzu, um hier Ihre Chance auf ein besseres Leben zu suchen. Ein Schmelztiegel der Kulturen. Und der Kontraste. Nirgends werden die Unterschiede zwischen Arm und Reich auf engstem Raum so deutlich wie hier. Wo an den Dhobi Ghats 25.000 Menschen 7 Tage die Woche von 5 bis 22 Uhr unter erbärmlichen Bedingungen Mumbais Wäsche mit der Hand waschen, residiert ca. 2 km weiter Mukesh Ambani – der reichste Mann Indiens. Er hat für sich und seine Familie ein 173 Meter hohes Hochhaus bauen lassen – inklusive Kino, Spa, Yogastudio, ein Parkhaus mit 168 Stellplätzen und auch etwas Platz für die etwa 600 Angestellten.

 

Highway in Mumbai
Bauboom in Mumbai

Mumbai boomt. Überall in der Stadt sieht man riesige Wohn- und Bürohochhäuser aus dem Boden wachsen.

Die ersten beiden Nächte unserer Reise verbringen wir im Abode Hotel in unmittelbarer Nähe zum India Gate. Das Hotel ist ein wahres Schmuckstück und man kann zu Recht ins Schwärmen geraten, will man darüber ein paar Worte verlieren. Architektur, Design und das zuvorkommende und freundliche Personal ergeben eine wundervolle Oase der Ruhe und Schönheit. Ein herrlicher Rückzugsort vom teils chaotischem Treiben der Metropole.

 

Posieren vor Mumbais Skyline

Der Marine Drive in Colaba ist ein beliebtes Fotomotiv in Mumbai – man hat hier einen guten Blick auf die Skyscraper am Malabar Hill.

Da wir erst kurz vor Mitternacht gelandet sind, haben wir einen vollen Tag, um Mumbai zu sehen – und der ist vollgepackt mit neuen Eindrücken auf allen Sinnesebenen. Mit unserem ortskundigen Fahrer Chienna düsen wir durch die Stadt und lassen uns uns die beeindruckendsten Orte Mumbais zeigen – nicht ohne nebenbei mit der einen oder anderen interessanten Anekdote versorgt zu werden. Den Verkehr in Mumbai beschreibt Chienna wahrscheinlich am besten selbst mit seinem Lieblingswitz: „What do you need in Mumbai? Good horn, good brakes and good luck.“

 

Bogmalo

Wir landen in Vasco de Gama in Goa. Das Resort „Coconut Creek“ in Bogdalo liegt 20min vom Flughafen entfernt. So kommt es, dass (neben Kokospalmen, Strandkühen und dem rötlich-braunen Sand) die mit Stacheldraht und Militärposten gesicherte blau-weiße Flughafen-Mauer auch das Bild der Umgebung prägt. Das stört uns aber nicht weiter – und vom Fluglärm ist kaum etwas zu hören.

 

Felsenküste in Südgoa

Der Blick auf die Felsenküste am Heart Shaped Lake

Bogmalo liegt in Süd-Goa, und es gibt hier viel weniger westliche Traveller als beispielsweise im Norden, wo die HippieKultur der 60er und 70er längst in Ihren letzten Zügen liegt und der Pauschaltourismus mehr und mehr die Überhand gewinnt. Hier machen auch viele indische Familien Urlaub, so sind unsere Ausflüge mit dem Roller in die nähere Umgebung oder an den Strand jedes Mal ein kleines Abenteuer.

 

Diwali Lampignon

 

Wir hatten Glück, denn das indische Neujahrsfest hat auch in Goa gerade begonnen. Divali wird sieben Tage lang gefeiert, wobei jeder Tag andere Zeremonien mit sich bringt. Die Leute schmücken hier wie im ganzen Land ihre Häuser, Autos, Trucks und Rikschas mit Blumen, Lichterketten, Girlanden und mit allem anderen, was irgendwie bunt ist. Nach Sonnenuntergang werden dann Böller und Raketen in die Luft gejagt und sich nebenbei das eine oder andere Kingfisher genehmigt. Die ganze Familie ist dabei und eine Altersgrenze nach unten gibt es nicht – wir haben auch Fünfjährige fleißig zündeln gesehen. Mittendrin sitzen Kühe, die das ganze Treiben scheinbar überhaupt nicht juckt.

 

Badami

Nach den entspannenden Tagen in Goa lernen wir nun unseren Fahrer Ramesh kennen. Ramesh ist ein offener und freundlicher Mensch, der Südindien wie seine Westentasche kennt, einen soliden Fahrstil pflegt und darüber hinaus auch eine gute Portion Humor mitbringt.

 

Kuh guckt in ein Restaurant

Recht neugierig wird hier ein ein nicht vegetarisches Restaurant inspiziert. Die Kuh weiss genau, dass sie nichts zu befürchten hat.

6 Stunden dauert die Fahrt von Goa nach Badami. Von den vielen Palmen des grünen Goas geht es hoch hinaus in die Hügel Karnatakas. In dieser Gegend streifen auch Leoparden, Panther und sogar Bären durch die Wälder. Wir sehen außer ein paar Affen keines dieser Tiere. Dafür begegnet uns auf ca. 1000m Höhe ein gestrandeter Truck, der wohl daran gescheitert ist, ein riesiges altes Boot über die Hügel zu transportieren.

 

Auf die Hügel folgt ein flacher, stark landwirtschaftlich geprägter Landstrich. Hauptsächlich werden Baumwolle, Zucker und Mais angebaut. Die Felder reichen soweit das Auge reicht. Wir fahren durch kleine, sehr ursprüngliche Dörfer. Man könnte denken, die Leute leben hier noch genauso wie vor 200 Jahren, wenn da nicht die bis an „die Zähne geschmückten Traktoren und Motorräder wären, die uns daran erinnern, dass wir im Hier und Jetzt sind und dass in Indien noch zwei Tage Diwali-Lichterfest anstehen.

 

Geschmücktes Tuktuk

Zu Divali sieht man überall in Karnataka aufwendig geschmückte Vehikel. Für ein möglichst buntes Erscheinungsbild wird gerne mal auch ein eingeschränktes Sichtfeld des Fahrers in Kauf genommen.

Nach dem Check-in im Krishna-Palace, das ein wenig an eine David-Lynch-Kulisse erinnert, geht es weiter zu den ca. 1400 Jahre alten Hindu-Tempeln, die oberhalb der Stadt in die Felsen gearbeitet sind. Die 4 Höhlen sind nicht nur für sich genommen beeindruckend, auch die Aussicht über ganz Badami ist atemberaubend. Als einzige westliche Touristen auf dem Felsen werden wir von den indischen Besuchern freundlich willkommen geheissen und vor allem von den Kindern neugierig beäugt und herzlich begrüßt. Immer wieder wollen die Leute sich mit uns zusammen fotografieren – einmal wird uns dafür sogar kurzerhand ein Baby in die Arme gelegt.

 

Aussicht über Badami

Von den Felsentempeln aus hat man eine gute Sicht auf die quirlige Kleinstadt Badami.

Der darauf folgende Spaziergang durch Badami ist voller faszinierender Eindrücke. Das Chaos, die staubige Hauptstraße, der kleine Markt, das Gemisch der unterschiedlichen Religionen, die Gerüche und Klänge und die Herzlichkeit der Menschen werden uns bestimmt lange in Erinnerung bleiben.

 

Hampi

Bei unserer Ankunft in Hampi erfahren wir, daß heute der erste von insgesamt drei Tagen Hampi-Festival – auch Vijaja Utsav genannt – ansteht. Also bekommen wir nicht nur die uralte Schönheit Hampis zu Gesicht, sondern auch die vielen folkloristischen Theater-, Tanz- und Musikshows. Das Festival wird jährlich von der Regierung Karnatakas veranstaltet und ist für alle Besucher umsonst. Es zieht viele indische Familien aus der ganzen Region an. Der Ort ist voll mit Menschen, die eine gute Zeit haben wollen. Auch wir lassen uns von den vielfältigen Shows in den alten Tempelruinen verzaubern und lernen nebenbei noch an einem der vielen Street-FoodStände ganz nach indischer Sitte mit den Fingern zu essen.

 

Tanzende Mädchen in Hampi Musikant in Hampi
Folklore in Karnataka

Auf dem Vijaja Utsav Festival in Hampi kann man indische Folklore vom Feinsten erleben. Tanz-, Musik- und Theatergruppen aus ganz Karnataka reisen an, um daran teilzunehmen.

Überall in der Gegend um Hampi findet man die uralten Überreste der längst vergangenen VijayanagarDynastie. Die Tempelruinen und die scheinbar wie zufällig von einem verspielten Riesen über die Landschaft verteilten gewaltigen Felsbrocken und Gesteinsformationen, durch die sich der schöne, naturbelassene Thungabadra Fluss schlängelt, prägen die mystische Kulisse von Hampi. Die UNSECO hat die Region zum Weltkulturerbe erklärt, und die historische Bedeutung und Schönheit der Landschaft ist überall gegenwärtig. Wenn man die Möglichkeit hat, sollte man am besten zu Fuss oder mit dem Fahrrad auf Erkundungstour gehen und den Ort auf sich wirken lassen.

 

Hanuman Tempel in Hampi

Der Affenfelsen in Hampi. Hier soll der Geburtsort Hanumans gewesen sein. Nach 600 Treppenstufen wird man mit diesem einmaligen Ausblick belohnt.

Aussicht von Hampis Affenfelsen

Riesige Felsen und Steinhügel prägen Hampis Landschaft. Immer wieder gerät man ins Grübeln, wie der eine oder andere dicke Brocken in seine jeweilige Position gekommen ist.

Arbeiterinnen gehen zur Arbeit in Hampi

Auf ihrem morgendlichen Weg zur Arbeit sorgen diese drei gut ausbalancierten Frauen für ein paar Farbtupfer in der steinigen Landschaft.

Anlegestelle in Hampi Basar

Ungefähr hier ist die kleine Anlegestelle, von der man mit einer Fähre hinüber zum Hampi Basar kommt. Zur Zeit steht das Wasser noch sehr hoch, sonst könnte man auch über die vielen Felsen im Flussbett springen.

hampi river

Am Ufer des Tungabhadra sieht man immer wieder die traditionellen Korbboote – auch Coracles genannt. Auf Ihnen kann man auch für ein paar Rupies einen Ausflug zu Wasser unternehmen.

Hassan

Die Fahrt nach Hassan dauert fast 7 Stunden. Allerdings ist Autofahren in Indien etwas völlig anderes als auf Deutschlands Autobahnen. Man fährt verhältnismässig langsam direkt am Leben der Menschen vorbei, und die meiste Zeit der Fahrt kleben wir an den Fenstern, um staunend das ländliche Leben direkt an der Straße zu beobachten.

 

Das etwas abseits vom Stadtzentrum gelegene Hoysala Ressort ist ideal, um sich eine Nacht in den mit viel Liebe zum Detail gestalteten Bungalows unter Palmen auszuruhen und das gute Essen dort zu geniessen. Am nächsten Tag geht es schon weiter Richtung Mysore, aber nicht ohne uns die beiden großen Tempel des mächtigen Hoysala-Reiches angeschaut zu haben. Der ChannakeshavaTempel in Belur & der HoysaleswaraTempel in Halebid sind nur ein paar Kilometer von Hassan gelegen. Beide Tempel strotzen nur so von aufwendigen Darstellungen der Hindugötter und Alltagszenen aus längst vergangener Zeit. Die Außenwände der Tempel sind besonders beim HoysaleswaraTempel so detailliert mit Reliefs geschmückt, dass die Bauzeit von 190 Jahren allein für diesen Tempel nachvollziehbar wird. Wer mal in der Gegend ist, sollte einen Abstecher hierhin machen.

 

Channakeshava Tempel

Der Chennakesava Tempel in Belur hatte eine Bauzeit von 190 Jahren. Das wird absolut nachvollziehbar, wenn man sich die bis ins kleinste Detail durchgestalteten Reliefs betrachtet, die den Tempel aussen komplett bedecken.

Mysore

Die letzten Tage sind wir eher in ländlichen Gegenden unterwegs, und mit der südindischen Kleinstadt Mysore bekommt unsere Reise wieder einen etwas urbaneren Anstrich. Mysore hat eine lange Geschichte. So steht dann auch ganz standesgemäß im Stadtzentrum ein prächtiger Palast. Es ist vielleicht keine schlechte Idee, sich den früheren Sitz der WodeyarMaharadschas etwas genauer anzusehen. Nachdem wir die Schuhe ausgezogen, die Kamera am Eingang abgegeben, das Telefon ausgeschaltet haben und durch diverse Sicherheitskontrollen marschiert sind, eröffnet sich uns innen ein architektonischer Pomp, der schwer zu überbieten ist. Das fast schon verrückte Intermezzo gesammelter Reichtümer ist schon ziemlich beeindruckend. Man sollte sich allerdings schnell bewegen und den Ausstellungsstücken nicht zu nahe kommen, ansonsten kann es gut passieren daß man von einem der zahlreichen Sicherheitskräfte mit einem grimmigen Pfiff aus der Trillerpfeife wieder auf die korrekte Besucherspur beordert wird.

 

Mysore

Auch auf dem Platz vorm Devaraja-Basar werden Blumen für Tempelzeremonien verkauft.

Einen Katzensprung vom Palast entfernt liegt der DevarajaBasar. Verschiedenste Gewürze, ca.125 Millionen Blumen, religiöse Devotionalen, tonnenweise Obst & Gemüse und vor allem das schreiende, feilschende, anpreisende Personal der verschiedenen Stände machen den Basar zu einem exotischen Rummelplatz ohne Öffnungszeiten. 24 Stunden und 7 Tage die Woche ist der Devaraja-Basar geöffnet. Egal wann man in Mysore ist, diesen faszinierenden Markt sollte man einfach mal auf sich wirken lassen.

 

Devaraja Basar in Mysore Feilschen am Devaraja Basar Devaraja Basar in Mysore Henna Tattoos

Nach einem langen Tag gibt es ein fantastisches Abendessen im „Dynastie Rooftop Restaurant“. Die südindischen Leckerbissen werden am offenen Feuer zubereitet. Das Essen ist nicht die einzige Attraktion, auch die Lage ist spektakulär. Wir sitzen quasi auf dem Dach des Gebäudes direkt neben dem Minarett einer großen Moschee. So lauschen wir beim Essen dem Gesang des Muezzins und können mit dieser akustischen Begleitung noch einmal den Blick über die Dächer Mysores schweifen lassen.

 

Ooty

Von Mysore geht es hoch hinaus in die Nilgiri Hills. Wir verlassen den Bundestaat Karnataka und sind von nun an in Tamil Nadu unterwegs. Während der Fahrt durch die Nationalparks drücken wir uns recht naiv die Daumen, um einen Tiger von der Straße aus zu erspähen. Daraus ist natürlich nichts geworden, trotzdem führt uns die Fahrt durch schöne Landschaften. Ein paar Hirsche, Affen und sogar ein Kingfisher-Taucher warten stattdessen am Straßenrand auf und lassen sich bereitwillig fotografieren.

 

Rehe am Strassenrand

Diese Rehe stehen fast völlig angstbefreit einfach am Strassenrand. Man kann sie in aller Ruhe beobachten fotografieren.

Ooty liegt auf 2240 Meter Höhe, dementsprechend schön ist die Fahrt nach oben. Die NilgiriBerge versprechen wunderbare Aussichten in tiefe Täler, die durchsetzt sind von Kiefernwäldern und Teeplantagen. Der Ort selbst ist nicht wirklich schön und alles andere als ein verschlafenes Bergdorf. Hier geht es mehr um die Landschaft drumherum. Die Attraktionen, die Ooty überall anpreist, kann man sich eigentlich schenken, weil sie überfüllt von Touristen sind und eher einem Jahrmarkt ähneln, an dem allerlei Plunder verkauft wird. Man sollte also schauen, dass man einen lokalen Guide bekommt, der einen mit auf eine Wanderung durch die bergige Landschaft abseits von Ooty nimmt. Alleine wandern sollte (und darf) man nicht, da es in der Gegend um Ooty Leoparden, Bären und auch Tiger gibt.

 

Friseur in Ooty

Meistens reagieren die Menschen genauso freundlich wie bei diesem Herrenfriseur in der Nähe von Ooty, wenn man sie nach einem Foto fragt.

Schule in der Nähe von Ooty

Eine Schule in der Nähe von Ooty.

Ein kleiner Ausflug zum Tribal Research Centre Museum ca. 10km entfernt von Ooty hat sich als recht unterhaltsam erwiesen. Das Museum hat den Charme einer alten, etwas heruntergekommenen Schule, aber die Ausstellungsstücke sind fantastisch. Außer den, teilweise aus der Steinzeit stammenden, Exponaten werden heimische ausgestopfte Tiere gezeigt, die so miserabel hergerichtet sind, dass sie ohne Probleme auch eine Nebenrolle in einem Horrorfilm übernehmen könnten.

 

Nach 2 Tagen in Ooty nehmen wir die Schmalspureisenbahn hinunter nach Coonoor. Wenn man Stress vermeiden will, sollte man die Tickets am besten schon von zu Hause aus buchen. In unserem Fall hat es unser Fahrer tatsächlich noch geschafft, kurz vor Abfahrt noch zwei Tickets für den ausgebuchten Zug zu beschaffen. Der sogenannte „Toy Train“ ist UNESCO Weltkulturerbe und die Fahrt hinunter ins Tal ist eines der Highligts, die man in Ooty nicht verpassen darf. Wir hatten Glück und die Nilgiris waren diesmal nicht von dichtem Nebel umhangen, so daß sich uns die Berge, kleinen Dörfer und Plantagen nochmal im besten Licht zeigen konnten.

 

Dampflokomotive in Ooty

Die alte Dampflok, mit der wir von Ooty nach Katoor gefahren sind, ist ein wahres Prachtexemplar für Trainspotter.

Pollachi

Die Stadt ist für uns eine Zwischenstation auf dem Weg hoch nach Valparai. Abgesehen von einer kleinen Chai-Pause am Strassenrand sehen wir Pollachi nur vom Auto aus. Nach der langen Fahrt von Ooty wollen wir entspannen und einfach mal im Resort bleiben. Das Coco Lagoon ist zwar ein schöner Ort, trotzdem freuen wir uns, am nächsten Tag wieder auf die Straße zu kommen und das echte Indien zu erleben.

 

Valparai

Die Weg nach Valparai ist für sich schon ein Erlebnis. Wieder fahren wir durch einen Nationalpark. Die engen Serpentinen der Landstraße ziehen sich eine nach der anderen den Berg hinauf. Wenn man nach unten schaut, kann man weit ins Tal blicken und den AaliyarStausee von oben sehen. Irgendwann hören die Wälder auf – von da an bestimmen riesige Teeplantagen und tiefhängende Wolken die Landschaft.

 

Landschaft in Valparai

Die hügelige Szenerie in der Gegend um Valparai wird von den Teeplantagen bestimmt.

Am frühen Nachmittag erreichen wir unser Ziel. Der Monica Garden Bungalow ist ein altes Landhaus in englisch-kolonialer Bauweise 6 km von Valparai entfernt. Das Haus ist 1910 in einem kleinen Waldstück erbaut worden, um von dort aus die umliegenden Teeplantagen zu kultivieren. Das Anwesen ist von einem Elektrozaun umgeben, um Leoparden davon abzuhalten, auf das Grundstück zu gelangen. Wegen der Elefanten wurden Bewegungsmelder und Sirenen aufgestellt. Das hindert aber noch lange nicht die vielen Vögel, wie zum Beispiel de Racked-tail Drongo oder den Malabar, uns ihr ausgefeiltes Konzert zu präsentieren. Nilgiri Languren besuchen anscheinend ganz gerne das Grundstück und bedienen sich an den Avocado- und Mangobäumen. Von diesen seltenen Primaten gibt es weltweit nur 8300 Exemplare. Trotzdem erschreckt uns einer von ihnen beim Schachspielen auf der Terrasse fast zu Tode, als er plötzlich aus einem Gebüsch springt und sich neben uns auf das Terrassengeländer setzt. Spätestens als wir dann in der Nacht von Giant Squirrels geweckt werden, die auf dem Hausdach herumturnen, wird uns klar, dass wir mitten in der Natur angekommen sind.

 

Elektrozaun

Neben den Sirenen und Bewegungsmeldern, die den Elefanten die Lust nehmen sollen, auf unser Grundstück zu gelangen, wurde auch dieser Elektrozaun aufgestellt, um Leoparden fernzuhalten.

Am nächsten Tag brechen wir recht früh um 6.00 Uhr morgens zu einer Wanderung auf, die sich als aufschlussreich erweist. Wir laufen einen Rundweg durch die Plantagen direkt am Wald vorbei.  Es ist nicht nur spannend, weil im Prinzip alle möglichen Tiere jederzeit auftauchen könnten, sondern auch weil unser Guide einen richtig guten Job macht. Als Umweltaktivist, der schon etliche Elefanten in einem Animal Rescue in Bangalore hochgepäppelt hat, hält er den ganzen Weg über einen sehr anschaulichen Vortrag über die Umweltsünden, die hier im Zusammenhang mit den Teeplantagen ablaufen. Die Folgen für Mensch und Tier sind weitreichend. Dort wo man jetzt Teeplantagen sieht soweit das Auge reicht, war früher tiefer Wald, der jetzt nur noch stellenweise zwischen den Plantagen existiert. Obwohl das Gebiet offiziell Nationalpark ist, werden die Plantagen intensiv mit Pestiziden besprüht. Die Gifte gelangen ins Grundwasser und schädigen das Gebiet nachhaltig. Trotzdem leben hier etliche Lebewesen und arrangieren sich mit der Situation. Zum Beispiel wandern nachts oder am frühen Morgen Elefanten von Waldstück zu Waldstück. Um diese Zeit sind noch keine Arbeiter auf den Plantagen, die die Tiere stören könnten. Heute sollen wir keinem der Dickhäuter begegnen, worüber wir auch ganz froh sind. Vor allem die Männchen können äußerst aggressiv reagieren, wenn man ihnen zu nahe kommt. Allerdings sehen wir einige harmlosere Spezies: Verschiedene Vogelarten, Hirsche und sogar einen Mungo können wir beobachten. Die Wanderung war insgesamt ein großartiges Erlebnis, auch wenn unser romantisch-verklärter Blick der Realität der Teeplantagen weichen musste.

 

Blick über Valparai

Blick auf die bunten Häuschen in Valparai

Koloniales Relikt in Valparai

Ein englisches Relikt mitten im Wald von Valparai. ‚Tea Time‘ gibt es hier wahrscheinlich schon etwas länger nicht mehr.

Regen in Valparai

Es ist immer wieder schön zu sehen, auf welche Art gute Freundschaft in Indien auch nach aussen gezeigt wird. Nicht selten entwickelt sich selbst ein normaler Handschlag unter Freunden zu einer liebevollen Handmassage.

Am darauffolgenden Tag sind wir morgens schon auf dem Weg nach Cochin, als wir dann doch noch auf einen Elefanten treffen. Ca. 2 km vom Monica entfernt geben uns Fußgänger den Hinweis, dass direkt vor uns ein Tier gesehen wurde. Nach der nächsten Kurve sehen wir schon ein paar Plantagenarbeiter, die aufgeregt ins Tal rufen. Wir halten an, steigen aus und dann sehen wir einen einzelnen Elefantenbullen gemächlich durch eine Plantage traben. Das Tier ist weit genug entfernt, um uns gefährlich werden zu können. Brisanter ist die Angelegenheit allerdings für die Landarbeiter, die sich auf dem selben Weg wie der Elefant befinden. Deswegen rufen die Leute laut ins Tal, um Ihre Kollegen zu warnen. Der Dickhäuter wechselt glücklicherweise seinen Kurs und geht langsam auf den Wald zu. 

 

Der Weg nach Cochin führt uns durch die tiefen Wälder des ScholayarNationalparks. Unser Fahrer Ramesh hat es eilig, die 1 1/2 stündige Fahrt durch den Wald schnell hinter sich zu bringen. Die Straße ist nicht ungefährlich, denn es besteht eine gewisse Möglichkeit, dass wir hier wieder die Wege von Elefanten kreuzen. Überall sind Schilder aufgestellt, die das Anhalten verbieten. Tatsächlich sehen wir oft auf der Straße frischen Elefantendung. Ramesh erzählt uns, dass er normalerweise die Taktik wählt, hinter einem Bus oder Truck hinterherzufahren, da die Elefanten vor großen Fahrzeugen mehr Respekt hätten. Wir sind aber heute morgen fast die einzigen auf der Straße. Von daher gibt es nur die Möglichkeit, flott durch dieses Gebiet durchzufahren. Die Route ist abenteuerlich und wunderschön. Und auf die Spannung am Rande möchten wir im Nachhinein nicht verzichten.

 

Elefant in Teeplantage

Hier ist irgendwo ein Elefant im Tee.

Cochin

Unser Hotel in Cochin liegt direkt in Fort Manor, also in unmittelbarer Nähe zu den berühmten chinesischen Fischernetzen. Die Fischer verkaufen Ihren Fang direkt vor Ort. Man hat die Möglichkeit, sich Fisch zu kaufen und in eines der auf der anderen Strassenseite gelegenen Restaurants zu bringen. Den frischen Fisch kann man sich in einem dieser Restaurants direkt zubereiten lassen. Es ist gerade Ebbe und nur wenige Fischernetze sind in Betrieb. So ursprünglich und alt diese Netze auch sind, der Strand selbst ist gezeichnet von den Spuren der heutigen Zivilisation. Überall liegt Müll herum. Und die riesigen Frachtschiffe, die direkt vor den Netzen auf Cochins internationalen Hafen zusteuern, machen den Fisch auch nicht appetitlicher.

 

Ein Mann erzählt uns, daß der Strand am Tag zuvor gereinigt wurde, die Flut aber wieder neuen Dreck an das Ufer gespült hat. Er selbst besitzt eines der Netze und berichtet davon, wie der Müll und das immer weiter zurückweichende Wasser sein Geschäft kaputt machen. Klar, dass kaum jemand etwas von seinem Fang kaufen möchte.

 

Chinesische Fischernetze in Cochin

Die uralten traditionellen Fischernetze stehen im harten Kontrast zu den Verladekränen des internationalen Hafens in Cochin.

Fischer in Cochin

Die „Dresden“ auf dem Weg nach Cochin.

Fischernetz in Cochin

Um eines der chinesischen Fischernetze zu bedienen, ist eine ganze Mannschaft nötig.

Cochin hat uns dennoch sehr gefallen, auch weil uns hier noch einmal die Vielfalt Indiens vor Augen geführt wurde. Die Architektur ist stark europäisch geprägt. Überall sieht man Spuren der ehemaligen portugiesischen Besatzung, welche das Christentum nach Kerala gebracht hat. Gefühlt an jeder Ecke steht ein Gotteshaus, und die älteste Kirche Indiens kann man unweit des Strandes besichtigen.

 

In den Backwaters von Allepey

Es ist 12 Uhr mittags und der kleine Hafen von Alappuzha, an dem die berühmten Hausboote mit den Dächern aus geflochtenen Palmenblättern liegen, ist um diese Zeit ein geschäftiger Ort. Bei unserer Ankunft werden gerade Reissäcke mit viel Manneskraft von einem der typischen Holzboote auf einen Truck verladen. Neben uns sind auch einige andere Reisende dort und werden auf die zahlreichen Hausboote verteilt. Es dauert bei uns ein kleines Weilchen, bis wir im Getümmel unseren Kapitän – einen älteren, auf den ersten Blick etwas kauzigen Vollblut-Seemann – treffen. Bald danach taucht dann auch schon ein fröhlicher junger Mann um die 20 mit offenem Lächeln auf, der, wie sich später herausstellt, unser Smutje ist.

 

Reis verladen in den Backwaters

Hier wird gerade Reis auf einen Truck verladen.

Gemütlich tuckern wir durch kleine Kanäle und über größere Seen. Am Ufer der Backwaters spielt sich das tägliche Leben der Fischer und Bauern ab. Sie waschen sich und ihre Wäsche in den Kanälen, arbeiten auf den Reisfeldern, holen Ihre Netze ein. Alles Leben hier ist wohl untrennbar mit den weit verzweigten Flüssen der Backwaters verwoben.

 

Schmuck am Hausboot

Unser Kapitän ist ein erfahrener Bootsmann. Er fährt jetzt schon fast 33 Jahre durch die Backwaters. Lachend sagt er uns auf die Frage, wie er denn seinen Job findet: „Every day is a happy day!“

Hütte in den Backwaters

Vom Boot aus bekommt man einen guten Einblick in den Alltag der Menschen.

Hausboot

Die Hausboote mit Ihren geflochtenen Dächern sind typisch für die Backwaters. Obwohl die Bauweise immer ähnlich ist, sieht jedes im Detail etwas anders aus

Kirche am Ufer

In den Backwaters gibt es unzählige Kirchen. Einige kann man nur mit dem Boot erreichen.

Kurz vor Sonnenuntergang legen wir an einem der Kanäle an. Wir haben die Möglichkeit, an Land zu gehen und einen Spaziergang durch das kleine Dorf zu machen. Freundliche, ursprüngliche Dorfbewohner begegnen uns hier. Alle sind gerade in irgendeiner Form mit der Zubereitung ihres Abendessens beschäftigt. Eine Ente wird kurzerhand aus dem Kanal geschnappt und segnet schnell danach das Zeitliche. Fische werden gewaschen und Gemüse geschnitten. Kinder laufen aus den Häusern und begrüßen uns neugierig. Als die Sonne untergeht, sind wir wieder im Boot und bald darauf fallen die Backwaters in einen ruhigen Schlaf.

 

sonnenaufgang_backwaters

Wir stehen früh auf, um uns den Sonnenaufgang anzusehen. Die Landschaft liegt noch im Halbschlaf. Ein Fischer ist schon auf seinem kleinen Boot unterwegs und wirft seine Netze aus. In der Ferne hören wir die mystischen Klänge einer Hindu-Zeremonie. Ein Hahn kräht und die vielen Vögel der Backwaters begrüssen den neuen Tag. Es herrscht eine sagenhafte Atmosphäre, während die Sonne langsam die Szenerie in sanftes Licht taucht.

Katoor

Etwa 20 Minuten nördlich von Allaphuza liegt die letzte Unterkunft unserer Reise durch Südindien. Das „El Oceano Resort“ ist ein wunderbarer Ort der Ruhe und Entspannung. Die Saison in Kerala hat noch nicht angefangen, und so kommt es, dass wir die ersten 3 Nächte die einzigen Gäste hier sind. Ideale Voraussetzungen also, um hier in Ruhe unsere Reise Revue passieren zu lassen. Im Resort kann man gut essen. Eines Abends wird uns sogar völlig überraschend ein echtes CandleLightDinner am Pool aufgetischt. Das Personal ist sehr zuvorkommend und hat, wie wir an diesem Abend feststellen konnten, anscheinend auch einen gewissen Sinn für Romantik.

 

Der Strand von Katoor ist etwa 10 Gehminuten entfernt. Das „el Oceano“ verleiht auch gratis Fahrräder, mit denen man in 20 Minuten zum berühmten Marari Beach radeln kann. Wir laufen die vier Kilometer direkt am Strand dorthin und sehen auf dem Rückweg zu, wie die Sonne als glühend roter Ball hinter dem Horizont des Arabischen Meeres verschwindet. Der Weg am Strand entlang ist abwechslungsreich. Wenige Touristen teilen sich den Strand mit den einheimischen Fischern, deren bunten Holzboote das Bild prägen. Kokospalmen säumen den Strand auf der gesamten Länge und bieten angenehmen Schatten. Krähen sitzen vor der Brandung und versuchen bei Ebbe etwas Seafood zu erbeuten.

 

Fischerboote am Marari Beach

Bunte Fischerboote prägen den Strand vor Katoor.

Fischerboote in Kerala

Ein Boot namens Jesus.

Fussball am Strand in Kerala

 

Vom Resort aus kann man für 12 Rupies den Bus nehmen und nach Allaphuza fahren. Die Fahrt dauert eine halbe Stunde und die Bushaltestelle liegt praktischerweise direkt vor der Pforte des El Oceano. Busfahrten sind in Indien für uns Europäer immer auch ein kleiner Event. Ein Bus braucht vier Mitarbeiter. Je einer bedient die beiden Türen vorne und hinten. Sie läuten eine Glocke, um Aus- oder Einstiegswünsche beim Fahrer anzumelden. Außer dem Fahrer gibt es dann noch einen Ticketverkäufer, der sich geschickt zwischen die Fahrgäste hindurch schlängelt, um den Fahrpreis zu kassieren. In Keralas Bussen sitzen die Frauen vorne im Bus, während die Männer im hinteren Teil Platz nehmen. Laut hupend, quietschend und rumpelnd bahnt der überfüllte Bus sich seinen Weg über die kleine Landstraße. Wenn der Fahrer gerade gute Laune hat, dreht er sein knarziges Radio auf.

 

Auch wenn der Strand von Allaphuza nicht wirklich zum Baden einlädt, ist er doch wegen seiner schieren Größe einen Besuch wert. Der Strand ist bevölkert von einheimischen Touristen, die hier zu Hunderten in voller Montur entlang schlendern. Überall am Himmel sieht man kleine Drachen, die im Wind zappeln und von den zahlreichen Strandverkäufern verkauft werden.

 


Von Cochin aus fliegen wir bald darauf wieder zurück nach Hause. Wir sind etwas wehmütig und der Süden Indiens wird uns bestimmt so bald nicht loslassen. Was uns neben den vielen Erlebnissen, den traumhaften Landschaften und der unfassbaren Vielfalt dieses Landes immer in Erinnerung bleiben wird, ist die Herzlichkeit der Inder. Die allermeisten Menschen waren entspannt im Umgang miteinander und uns Fremden gegenüber neugierig, offen und unvoreingenommen. Diese Art zu „sein“ steht dann doch im Kontrast zum etwas ruppigeren Leben in Berlin und wird uns langfristig inspirieren. Wir waren bestimmt nicht das letzte Mal hier.

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