Kultur / Nordindien

Land und Leute in Nordindien

Die indische Vielfalt ist fast sprichwörtlich und der Norden des Landes spielt dabei eine zentrale Rolle. Von den hohen Gipfeln des Himalaja in die Ebene des Ganges und von den Karawanenstädten des Wüstenstaats Rajasthan bis zu den Gebirgslandschaften Nordostindiens finden Reisende eine unfassbare Diversität an Eindrücken, Lebensformen, Sprachen und Landschaften. Eine Beschreibung dieser Region kann hier also nur oberflächlich sein. Wir wagen es.

Wie in ganz Indien ist der Hinduismus auch in Nordindien nicht nur die Religion der Mehrheitsbevölkerung (rund 80 %) sondern auch das verbindende Element über die Grenzen der Bundesstaaten hinweg. Diesem Bindeglied entgeht man in Nordindien nie. Von den großen Tempeln der heiligen Städte wie Varanasi, Haridwar oder Mathura zu den kleinen Schreinen in Märkten oder in Kurven halsbrecherischer Gebirgsstraßen – die Möglichkeit einem der unzähligen Götter zu huldigen gibt es immer, und sie wird genutzt. Feste wie Diwali oder Dashahara werden, wenn auch in unterschiedlichen Ausformungen, von rund 500 Millionen Menschen gleichzeitig in ganz Nordindien gefeiert.

Auch säkulare Traditionen, wie das mittlerweile auch in der westlichen Welt bekannte Farbenfest Holi, werden in fast ganz Nordindien gefeiert.

Anders als Südindien, dessen Entwicklung erst mit Beginn der Kolonialisierung durch die Briten massiv von Außen beeinflusst wurde, war Nordindien schon ab dem 16. Jahrhundert unter der Herrschaft der Moguln, seit der aus Zentralasien stammende Babur das Sultanat von Delhi eroberte. Damit begann eine äußerst prägende Zeit für Nordindien. Der Nachwelt sind davon viele Zeugnisse erhalten geblieben, am sichtbarsten in der Architektur aber auch im Bereich der Literatur, der Musik und der Küche Nordindiens. Elementar ist zudem die Verbreitung des Islam in Indien, spätestens ab dem Mogul Aurangzeb. Auch heute noch sind Muslime in Nordindien mit rund 18 % die größte Minderheit.

Der Buddhismus hat wiederum von Nordindien aus weite Teile Südostasiens erobert, während er in Indien selbst nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Dieses Erbe begegnet einem aber auch heute noch an vielen Orten durch erhaltene Höhlenanlagen, Stupas und Pilgerstätten. Nur in der wunderschönen Bergregion Ladakh fühlt sich auch im 21. Jahrhundert noch eine Mehrheit von knapp 65 % dem Buddhismus zugehörig.

Überblick über die Region

Auch der Norden Indiens ist noch immer landwirtschaftlich geprägt und rund 80 % der Menschen leben in Dörfern. Doch die Städte mit ihren Erwerbsmöglichkeiten wirken zunehmend als Magnete für die sehr junge Bevölkerung, sodass besonders Städte wie Delhi, Kalkutta und Mumbai aber auch regionale Zentren wie Pune, Lucknow oder Jaipur immer weiter wachsen und die Infrastrukturen häufig mindestens nah vor dem Kollaps stehen.

Delhi ist die Hauptstadt und dadurch schlägt hier, trotz eines föderalen Systems, das politische Herz des Landes. Darüber hinaus ist Delhi der Knotenpunkt und der zentrale Marktplatz für Nordindien. Hier leben Menschen aus allen Teilen des Subkontinents, von Kaschmir bis Tamil Nadu und vom Punjab bis Assam. Und Delhi verkörpert diese Rolle als Spiegel der indischen Bevölkerung wie keine zweite Stadt im Land.

Aus touristischer Sicht lässt sich Nordindien, was ja eine mehr praktische als geografische oder kulturelle Einheit darstellt, in einige Hauptregionen gliedern: der Westen mit dem Wüstenstaat Rajasthan und Gujarat, die Bergregionen von Kaschmir, Ladakh und Himachal Pradesh im Norden, die bergigen Regionen des Nordostens, die nur über eine schmale Landbrücke mit dem Rest Indiens verbunden sind, die Region, die vom heiligen Fluss Ganges geprägt ist und so bedeutende Städte wie Varanasi und Kalkutta beherbergt sowie die zentrale Region oberhalb des Dekkan Plateaus, geprägt von großen Nationalparks und unzugänglichen Waldregionen.

Ausländische Besucher zieht es meist in den Wüstenstaat Rajasthan und dafür gibt es auch sehr gute Gründe. In keiner Region ist die Dichte der Kulturdenkmäler höher, als in diesem Bundesstaat an der Grenze zu Pakistan.

Die Bergregionen im Norden sind aufgrund ihrer hervorragenden Trekkingtouren besonders bei Abenteurern beliebt. Aber gerade die Hochgebirgsregion Ladakh ist auch für Kulturreisende äußerst interessant, besonders wenn in den Klöstern farbenfrohe Klosterfeste gefeiert werden.

Seltener Ziel von Reisen aber dadurch auch ursprünglicher und authentischer sind die etwas abseits liegenden Bundesstaaten des Nordostens, auch Seven Sisters oder sieben Schwesterstaaten genannt. Hier, besonders in Assam und Darjeeling, werden einige der besten Teesorten der Welt kultiviert und angesichts der abseitigen geografischen Lage ist es auch kaum verwunderlich, dass es sich um einen eigenen Kulturkreis handelt.

Für Naturkundler ist die Region oberhalb des Dekkan Plateaus, also grob Zentralindien, ein äußerst reizvolles Gebiet. Hier liegen einige der größten und wildesten Nationalparks Indiens, wie etwa Bandhavgarh, Kanha und Pench.

Der bevölkerungsreichste Bundesstaat Nordindiens ist Uttar Pradesh, meist UP genannt. Als Kernland der heiligen Kuh, die von streng gläubigen Hindus verehrt wird, wird die Region rund um Uttar Pradesh auch Cow Belt, also Kuh Gürtel, genannt. Dazu passt, dass in dem Bundesstaat auch die Hauptstadt des Hinduismus Varansi liegt.

Der an Pakistan grenzende Bundesstaat Punjab ist die Heimat der mit dem Hinduismus verwandten Sikhreligion, deren männliche Anhänger durch ihre äußerst sorgsam gewickelten Turbane in verschieden Farben und häufig langen Bärte auffallen. Grund dafür ist ein Dogma, dass Sikhs das Schneiden der Haare untersagt.

Nordindien heute

So vielfältig und faszinierend die Region, die wir als Nordindien verstehen, auch ist, so wäre es unaufrichtig, nicht auch auf die massiven Probleme hinzuweisen, denen sich die rund 600 Millionen Menschen hier ausgesetzt sehen. Die umgreifende Landflucht hat in den Städten zu einem enormen Anwachsen der Armenviertel gesorgt und gerade die schlecht ausgebildeten Zuwanderer aus den rückständigen Bundesstaaten wie Bihar oder Uttar Pradesh leben häufig in äußerst prekären Umständen.

Besonders auf dem Land ist das Kastendenken noch tief in der Gesellschaft verankert, soziale Durchlässigkeit äußerst gering und auf Geburt beruhende Ungleichheit eine scheinbar akzeptierte Tatsache.

Korruption ist ein auf allen politischen und administrativen Ebenen präsentes Phänomen und eine massive Hürde für die Entwicklung des Landes.

Die indische Gesellschaft bleibt eine patriarchalische Gesellschaft und somit ist das Bild der Frau besonders in den ländlichen Gebieten noch immer auf das der Hausfrau und Mutter beschränkt.

Doch gerade der Umgang der indischen Bevölkerung mit all diesen Problemen ist eines der Wunder dieses Landes, das sicherlich auch mit der noch immer weitverbreiteten Strenggläubigkeit der Menschen zusammenhängt.  

Zudem ändert sich in Indien Jahr um Jahr. Rollenbilder brechen auf und Menschen werden zunehmend aufgrund Ihrer Fähigkeiten bewertet und weniger basierend auf der Zugehörigkeit zu einer Kaste.

Als Spiegel sowohl der Probleme als auch der Veränderungen im Land steht kaum etwas so sehr im Fokus wie Bollywood, die Traumfabrik am Rande Mumbais. Der Besuch eines Kinos, inklusive 3-stündiges Liebesdrama, kann aus kultureller Sicht daher durchaus lehrreich sein.

Essen & Trinken

Wenn es einen weiteren Grund bräuchte, Nordindien intensiv zu bereisen, wäre dies Wohl das hervorragende Essen der Region.

Traditionell ist die Küche der Hindus vegetarisch und da dies schon seit 2000 Jahren so ist, findet man als Vegetarier hier eine Vielfalt an fleischlosen Gerichten und Produkten, von denen man in Europa nur träumt. In Indien bedeutet vegetarisch übrigens auch der Verzicht auf Eier, Milchprodukte werden hingegen gerne und viel konsumiert. Vegetarische Gerichte wie Dal Makhani, Malai Kofta, Channa Masala oder Shahi Paneer, also Linsen, Gemüsebällchen, Kichererbsen oder Hüttenkäse sollten Sie auf keinen Fall verpassen, am besten mit frischem Nan oder Chapati (Brot).

Sehr zu empfehlen und auch vegetarisch ist der Paratha, ein meist gefülltes Fladenbrot aus der Pfanne, das häufig zum Frühstück serviert wird.

Mit der Eroberung weiter Teile Nord- und Zentralindiens durch die Moguln kam auch die nicht-vegetarische Küche nach Nordindien und damit so wunderbare Gerichte wie Rogan Josh, also Lammfleisch in einer raffinierten Soße, Curries mit Huhn oder Lamm und eine große Bandbreite von Kebaps. Am authentischsten essen Sie diese Gerichte in den kleinen Restaurants der Altstädte von Delhi, Jaipur oder Lucknow.

Neben Brot ist natürlich Reis ein wichtiges Grundnahrungsmittel in Nordindien. Eine ideale Möglichkeit, gleich mehrere Gerichte zu probieren ist ein Thali, was übersetzt Teller bedeutet und auf dem mehrere kleine Töpfe mit unterschiedlichen Curries und Gemüsesorten um Reis und Brot platziert werden.

In Nordindien ist man meist mit der Hand, es nimmt Ihnen aber auch niemand übel, wenn Sie um eine Gabel bitten, wenn diese nicht schon bereitliegt. Ebenso wenig wird es Ihnen verübelt, wenn Sie um Gerichte bitten, die “not so spicy” sind.

Feste

Feste gehören zum Leben Indiens wie die heilige Kuh und Bollywood. Holi ist ein buntes Farbenfest im März, um den Sieg des Guten über das Böse sowie das Ende des Winters zu feiern. Es findet meist im März statt und liegt damit noch in der angenehmen Jahreszeit für Reisen nach Nordindien.

  • Das Hemis Fest ist eines der größten buddhistischen Klosterfeste Ladakhs und findet alljährlich im Juni im Kloster Hemis statt, also ideal, um es mit einer ausgiebigen Rundreise durch die höchste Region Indiens, Ladakh, zu verbinden.
  • Der Tag des Dusshera Fests stellt den Höhepunkt zehntägiger Feierlichkeiten in hinduistischen Familien dar und wird immer im September oder Oktober gefeiert. An Dusshera werden in ganz Nordindien riesige Figuren aus Pappmache und Stroh verbrannt. Schon den ganzen Tag über herrscht in den Vierteln der Städte eine inspirierende Betriebsamkeit. Sie mündet am Abend in kulturellen Auftritten auf öffentlichen Plätzen, um dann schließlich in dem symbolischen Verbrennen des bösen Dämonen Ravanna zu kulminieren.
  • Diwali, das wichtigste aller Hindufeste, erstreckt sich über fünf Tage, jedes Jahr zwischen Oktober und November. Besonders in Nordindien läutet es daher den Beginn der kühleren Jahreszeit ein. Wegen angebrachter Beleuchtungen an Häusern und ausgiebigem Feuerwerk in der Nacht wird Diwali auch Fest der Lichter genannt.
  • Auf der Pushkar Camel Fair werden jedes Jahr unter anderem 50,000 Kamele feilgeboten und der ansonsten beschauliche Wüstenort Pushkar platzt aus allen Nähten. Daher planen wir in dieser Zeit auch eher Tagesausflüge von nahen Orten aus anstelle von Übernachtungen. Der einmalige Markt ist aber ein unvergessliches Erlebnis und sollte, falls zeitlich möglich, auf jeden Fall bedacht werden.

Tipps und Verhaltensweisen

Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Nordindien ist offen, gastfreundlich und hilfsbereit. Aber auch hier gibt es einige Verhaltensweisen, die als nicht besonders respektvoll oder gar als unangenehm empfunden werden.

Wie in ganz Indien gelten Schuhe als unrein. Achten Sie also darauf Ihre Schuhe oder Sandalen bei allen Tempeln vor der Eingangspforte abzugeben oder in einen mitgebrachten Beutel zu stecken. Auch in Wohnhäusern sollte man die Schuhe ausziehen, wenn die Gastgeber dies auch tun. Beim Sitzen sollte die Sohle nie auf eine Person gerichtet sein.

Auch in Nordindien gilt die linke Hand als unrein, da sie der Körperreinigung dient. Daher sollten Speisen wenn möglich nicht mit der linken Hand berührt werden, besonders wenn Sie z. B. ein Brot mit anderen Menschen am Tisch teilen, wie es in Indien häufig vorkommt. Meist bleibt die linke Hand bei Indern unterhalb der Tischkante.

Bei Männern in Städten ist es mittlerweile teils üblich, sich die Hand zu schütteln, in kleineren Städten und in traditionellen Familien jedoch nicht, besonders nicht für Frauen. Der Namaste-Gruß ist in ganz Indien verbreitet. Hierbei werden die zusammengelegten Hände vor das Gesicht gehalten.

Zärtlichkeiten, auch zwischen verheirateten Menschen, gelten in der Öffentlichkeit als unpassend und anstößig.